Schriftsteller und Literaturwissenschaftler würdigen Erasmus Schöfer als Meister realistischen Erzählens

von Werner Jung

Dieser Autor hat noch stets Literatur in der Bewegung und zugleich in Bewegung verfaßt. Erasmus Schöfers nunmehr auf nahezu fünf Jahrzehnte zurückblickendes literarisches Oeuvre ist stets engagiert, parteilich und kritisch geblieben – realistisch vom Verfahren allemal. Ältere Traditionen der Arbeiterbewegung wie des Bunds proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) aus den 20er und frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts schreiben sich in seine Texte dabei ebenso ein wie ein Literaturverständnis, das sich oszillierend zwischen Lukács und Brecht, mit Pendelausschlägen bei Peter Weiss bewegt. Auf den Punkt gebracht, klingt es folgendermaßen: »Der realistische Schriftsteller versucht, Typisches im Individuellen zu treffen.« So O-Ton Schöfer.

In Schöfers Produktion, die immer wieder abgebrochen und unterbrochen worden ist von längeren Zeiten politischen Wirkens in der Gewerkschaft, der DKP, wie auch dem Schriftstellerverband, dem VS, und dem von Schöfer 1969 mitbegründeten Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, lassen sich in etwa drei Phasen unterscheiden: die frühen Texte bis in die Zeit der Werkkreis-Jahre, in denen aber schon die zentralen Themen und Gegenstände Schöfers anklingen, eine mittlere Phase, die während der späten 70er und 80er Jahre dann die Krise und Stagnation der linken Bewegungen in der alten BRD bearbeitet, und eine späte Phase, in der der Romancier in einem großangelegten Romanprojekt, der Tetralogie »Die Kinder des Sisyfos« (2001-2008), eine Bilanz bundesdeutscher Geschichte von 1968 bis zur Wende von 1989 (und darüber hinaus) zieht.

Seit den späten 90er Jahren hat Erasmus Schöfer an diesem Epos gearbeitet.Und damit ist ihm endlich auch eine breitere literarische Anerkennung zuteil geworden, was die deutlich zugenommene Resonanz im Feuilleton, literarische Preise, die Gründung einer literarischen Gesellschaft und Symposien über sein Schaffen belegen. Im Gespräch mit Jürgen Lodemann hat Schöfer einmal seine Intention bei der Abfassung seiner Tetralogie so beschrieben: »Meine Absicht ist es, diese Zeitabschnitte aus der Zeit selbst heraus verständlich zu machen.« Es handle sich »um ein Epos über die Aktionen von Menschen, die in diesem Land an wirksamer Demokratie interessiert waren, interessiert an Gerechtigkeit, auch an Sozialismus.«

Nachdem bereits anläßlich von Schöfers 75. Geburtstag eine Festschrift über das Werk des Kölner Autoren veröffentlicht worden ist, hat Thomas Wagner als Herausgeber einen Anlauf unternommen, um auf überaus gründliche Weise dem »Unternehmen Sisyfos«, wie der Untertitel des Bandes lautet, auf die Spur zu kommen. Dafür hat er eine illustre Reihe von Autoren, Wissenschaftlern und Kritikern gewonnen, darunter unter anderem Volker Braun, Ilija Trojanow, Dietmar Dath, Rüdiger Scholz, David Salomon oder Jürgen Link und Rolf Parr, die die unterschiedlichen Aspekte, Elemente und Momente dieses Großwerks ausleuchten: mal im Blick auf die (Real-)Historie oder die Zusammenhänge mit der Werkkreis-Bewegung, mal hinsichtlich der Einordnung in die Literaturgeschichte, mal im Blick auf das Theater, dann wieder ganz grundsätzlich hinsichtlich der ästhetisch-theoretischen oder poetologischen Dimensionen. Herausgekommen ist ein opulenter Band, der Erasmus Schöfer als einen Autoren präsentiert, der – in den Worten Franziska Schößlers – »Kunst mit Politik, Privates mit Öffentlichem, Dokumente mit Fiktion, Wissen mit Erfahrung und Praxis« zu vermitteln versteht.

Er tat dies stets auch in seinen Hörspielen, von denen zwischen 1964 und 2009 insgesamt 22 entstanden, die – mit Ausnahme des 2009 geschriebenen Textes »Globalopoli« – alle, zum Teil mehrfach, realisiert worden sind, vom WDR, SDR, HR, Rias und vom Rundfunk der DDR. Auch in gedruckter Form, was in den 50er und 60er Jahren nicht unüblich gewesen ist, liegen einzelne Hörspiele Schöfers bereits vor. Daneben hat sich der Autor mit der Theorie des Hörspiels intensiv auseinandergesetzt. Für den im letzten Jahr von Christiane Altenburg mit einem Vorwort von Wolfgang Schiffer herausgegebenen Band mit dem Titel »Na hörn Sie mal!« hat Erasmus Schöfer sechs Hörspiele zusammengestellt, auf die im Anhang noch drei Essays folgen. Schöfers Hörspieltexte, die aus den Jahren 1966, 1968, 1977, 1981, 1988 und 2009 stammen, sind alle eher dem traditionellen Typus zuzurechnen, dessen Ästhetik dem Theater folgt und von einem einflußreichen Dramaturgen aus der Frühzeit der Gattung, Heinz Schwitzke, als »innere Bühne« bezeichnet worden ist. Zwar spricht Schöfer dem Hörspiel den Status einer »selbständigen literarischen Gattung« zu, lehnt aber das sogenannte »Neue Hörspiel« der 70er Jahre mit seinen Protagonisten Mayröcker/Jandl, Mon oder Handke und deren Vorlieben für Experimente, den O-Ton sowie Spiele mit der Stereotechnik ab. Stattdessen forderte er dem Schriftsteller ab, »eine vermittelte und damit aufklärende (möglichst auch unterhaltende) Information über Sachverhalte in variablen Formen« zu liefern. In seinen eigenen Hörspielen geht es Schöfer, wie Wolfgang Schiffer zu Recht bemerkt hat, »um die realistische Fiktion«, um »die komplexe Wirklichkeit begreifbar zu machen.« In den Texten »Berg der Schatten« und »Denkmal Pfeiffer« wird das Trauma des Krieges samt sicht- wie unsichtbarer Schäden und Spätfolgen auf anrührende Weise dargestellt. In anderen Hörstücken geht es um die Schweinereien des alltäglichen Kapitalismus bis hin zu den Folgen der Globalisierung. Bemerkenswert und erstaunlich ist schließlich, daß Schöfers Hörspieltexte – selbst die frühen aus den 60er Jahren – als Lesetexte keinen Staub angesetzt haben, sondern – noch diesseits ihrer Zeitbedingtheit – weiterwirken, durchaus gleichberechtigt mit den großen Beispielen der Gattung wie z.B. G. Eichs »Träume« oder I. Bachmanns »Zikaden«: nämlich als literarische Zeugnisse gegen das historische Verdrängen und Vergessen.