Schreiben im Maul des Alligators. Gesprochen auf der Tagung des InKriT (Institut für Kritische Theorie) in Berlin 2010 (Auszug)

Als ich den nach Gustav Regler benannten Literaturpreis erhielt, habe ich mich diesem Mann sehr verbunden gewusst. Regler ist der Prototyp eines engagierten schreibenden Intellektuellen. Den preisgebenden Bürgern seiner Geburtsstadt Merzig habe ich als Hauptgrund meiner empfundenen Verwandtschaft mit Regler erklärt, dass ich sie in seiner und meiner Bemühung um eine existenzielle Übereinstimmung von Leben und Schreiben verstehe. Bei Regler hieß das (…) mit den Sozialisten und Kommunisten vieler Länder für die Verteidigung der Republik im spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Jene Kollegen setzten ihre Leben, ihre Gesundheit, ihre Freiheit en gage, aufs Spiel. Für mich bedeutete es, in den siebziger Jahren, weniger gefährlich, ein Theater für Arbeiter und eine Organisation für die Qualifizierung schreibwilliger Lohnabhängiger zu entwickeln. Im Kollektiv, klar. Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Immerhin rund sechzig wohlfeile Bücher, beschreibend die bis dahin kaum bekannte Situation der in der industriellen Produktion Arbeitenden unsrer Gesellschaft, waren das Ergebnis. Nicht vergleichbar das existentielle Risiko. Meins bestand vor allem in der Abkopplung vom allgemeinen Selbstverständnis des Berufsstands und in der Abstinenz vom Wettstreit auf dem Büchermarkt. Vergleichbar waren aber bei Regler und mir die Nachwirkungen des Engagements: das Aufheben der miterlebten Kämpfe im literarischen Werk als Zeugnis. Und: für lange Zeit blühen wir unbekannt, wirkungslos, unerwünscht.

Vielen Autorinnen und Autoren, die sich in den vierzig Nachkriegsjahren in diesem Land als engagierte verstanden und bezeichnen ließen, hat die Gesellschaft üppige Preise umgehängt. In kenntnisreicher Empörung haben sie ihr ihre wachsenden demokratischen Defizite und ihre monströsen Verbrechen unter die Nase gerieben, aber der Alligator hat sie leben und schreiben lassen in seinem zähnestarrenden Maul, wie die Krokodile das eben mit ihren Kindern so machen. Da gilt die nicht mehr ganz frische Wahrheit, dass die menschenfressenden Panzerechsen sehr zärtlich mit denen umgehn können, die ihnen zum Ausweis ihrer Toleranz verhelfen. Was heißt, diese Sorte verbalen kritischen Engagements wird in unserm so lange saturierten kapitalistischen Staatensystem eher als nützlich denn als gefährlich verstanden, nämlich dienstbar seiner Verschleierung. Und das heißt seiner Erhaltung. In einer fatalen negativen Dialektik ihrer kritischen Absicht werden die Kritiker zu Stützen der angegriffenen Gesellschaft, wertvoller für sie als jene wohlfeilen Tuis, die ihre Einsichten ergeben nach den Wünschen der Zahlmeister formen. Nicht vergessen sei dabei, dass in andren, weniger saturierten Gegenden der Welt das herrschaftskritische Schreiben noch immer von der physischen Beseitigung der Schreibenden bedroht ist.

Die große Stille, die trotz der ungeheuerlichen Zumutungen der herrschenden Krisenverbrecher weiterhin im Land zu beobachten ist, muss nicht heißen, dass die Narkotisierung der Bevölkerung endgültig ist. Wenn der König strauchelt, könnten die Hofknechte den Narren überrascht als einen Weisen erkennen, mit dem sie die neue, ihre sozialistische Gemeinwirtschaft in demokratischer Selbstherrschaft errichten wollen.

Wir sind die Kinder des Sisyfos, die den niederschmetternden Felsen nicht resignierend zwischen den Trümmern liegen lassen, sondern ihn weiterwälzen, so lange, bis er als Staubkorn im Sturmwind der Geschichte vom Gipfel des Bergs für immer davonfliegt.