Du berührst hier das uns Welt erzählende Autoren immer wieder brennende Problem des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit. Der alltägliche Sprachgebrauch hat damit selten Schwierigkeiten, da benutzt der Mensch seine Sprache wie seine Beine, mit denen er so selbstverständlich wie unbewusst in seiner Lebenswelt rumläuft. Auch viele erzählende Autoren benutzen ihre Sprache in dieser unreflektierten Weise, da sich ihr Interesse vornehmlich auf vorhandene Personen und Gegenstände richtet, von deren Schicksal sie berichten. Dabei nehmen sie als unbefragte Gegebenheit in Kauf, dass die Sprache den vielfältigen, mehrdimensionalen Vorgängen der Wirklichkeit nur in zeitlichem Nacheinander in unserer Syntax folgen kann.

Ich habe das schon früh als eine Fessel, eine existenzielle muss ich wohl sagen, für den literarischen Wirklichkeitsfänger empfunden. (…)

Dabei ist der für Menschen riesige Bereich der Liebe einer, der mir sprachlich immer noch weitgehend unerforscht schien, aufgrund jahrtausenderalter Tabus, und der mich deshalb als Autor zu besonderen Anstrengungen herausgefordert hat. (…) Ist es nicht erstaunlich, dass dieser zentrale Lebensvorgang der Menschen nahezu ungewortet geblieben ist?

Mich beschäftigen die Bedingungen unseres sprachlichen InderWeltSeins seit meinen Anfängen als Autor, und ich habe deshalb Sprachwissenschaft bei Leo Weisgerber studiert, der, inspiriert von Wilhelm von Humboldt, jeder Sprache ihr eignes Weltbild zuschrieb in dem Sinn, dass jeder Sprachkörper eine bestimmte Weise des menschlichen Zugangs zur Wirklichkeit darstellt. Das merken am ehesten Übersetzer oder solche Reisende, die wie Du andere Kulturkreise erforschen (…).

Von der philosophischen Seite her hat mich Heidegger beeinflusst, mit seinem oft kühnen (…) Umgang mit der deutschen Sprache (…) Ich rede jetzt nicht von seinen etymologischen Interpretationen bestimmter, für sein Denken richtungsweisender Urwörter, sondern von seiner altgierigen Aufmerksamkeit für die Vergangenheit von Wörtern – beim literarischen Schreiben verlässt mich selten dieses Interesse für die versteckten, verlorenen oder entwicklungsfähigen Hintersinne von Wörtern und ich nutze sie, wenn es mir für die Beschreibung neuer Sachverhalte Mehrwert verspricht.

Brief vom 27.2.2011 Erasmus Schöfer an Ilija Trojanow. In: “…steinerne Last”, Dittrich 2012